Exzellenz ist der Feind des Guten

Bildschirmfoto 2013-05-11 um 13.49.03Bild: Fabian Stamm / Neue Zürcher Zeitung

 

Avishai Cohen hat es versucht. Am 08.05. sah/hörte ich ein Konzert in der Tonhalle Zürich. Es bestätigte mir wieder einmal: Exzellenz ist der Feind des Guten.

Er ist zweifelsohne ein wunderbarer Musiker, seine Musik ist beseelt, er hat Charisma, er hat eine Botschaft, die über sein Ego hinausreicht. Aber warum müssen es unbedingt Streicher sein? Bei den ersten klassischen Takten war ich irritiert und hoffte inständigst, es möge nicht so weiter gehen. Nach dem dritten klassischen Stück war ich dabei, mich innerlich zu verabschieden. Wer Arvo Pärt kennt, kann sich kaum mehr aktuelle klassische Musik anhören, die einen antiken Cremeton im Klangbild und in der Struktur aufweist. Avishai Cohen hat diese Stücke selbst geschrieben und arrangiert, da wäre es doch möglich gewesen, etwas zu komponieren, das seinem eigenen Bass gewachsen ist, das einen spannenden Dialog ermöglicht. Nichts da! Die süßlichen Klänge verklebten mir die Ohren und ließen mich enttäuscht zurücksinken. Das Festhalten an der rigiden klassischen Struktur wirkte immer wieder wie eine angezogene Handbremse. Gerade eben hatte ich mich gefreut, oh ja, hier passiert endlich Improvisation/Jazz, der Klang schwebt, die Musiker haben sich gefunden und legen los, dann kamen die Streicher, brutal den Fortgang zerstückelnd, mit ins Spiel.

Die Tonhalle bot ein schönes Ambiente, ich war in sehr netter Gesellschaft, der Abend hat sich diesbezüglich auf jeden Fall gelohnt. Der Schlagzeuger, ein kleiner Kerl, als würde er noch wachsen, als wäre er 16 Jahre alt, er machte mir sehr viel Freude. Diese jungen Jazzer sind einfach anders, sie spielen anders, sie wirken, als könnten sie mühelos da weitermachen, wo sie an anderer Stelle bereits geübt hatten.

Nach dem Konzert maßen Kai Kopp und ich wieder mal dieses Erlebnis an Christian Scott, nach wie vor ein Polarstern. Wir hatten ihn beim jazznojazz 2010 in Zürich erlebt. Diese begnadeten Musiker wirkten wie Kinder, die ein zehn Meter dickes Glasfaserkabel nach „oben“ haben und „es“ nie lernen mussten, sondern „es“ direkt abrufen und wiedergeben konnten. Der Pianist sah aus wie ein Junge, der direkt von der Schule kommt und mal eben ein Konzert gibt. Das tat er allerdings mit einer Leichtigkeit, als wäre er mit einem Klavier auf die Welt gekommen. Der Schlagzeuger, ein wunderbar feinfühliger Wirbelwind … Christian Scott von einem ehrlichen Anliegen beseelt … völlig in den Klängen aufgehend, mit einer Botschaft verbunden, von weit herkommend, sphärisch … er als ein Nadelöhr, als müsste er durch diese kleine Trompete all jenes durchgeben, was sich eigentlich nicht ausdrücken lässt. Man muss diese Musiker aber live gesehen haben, der Zauber ist nur ein Abglanz, wenn sie aus der Dose kommen.

Dieses Konzert erlebt zu haben verursacht nach wie vor einen wohligen Schmerz. Es war einfach exzellent! Und wer in seinem Leben jemals Exzellenz erlebt hat weiß: Sie ist der Feind des Guten.

Und das sagt die Neue Zürcher Zeitung zu Avishai Cohens Konzert:
www.nzz.ch/aktuell

 

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