Jedem seine eigene Wand

Während meines Studiums habe ich dieses Buch gelesen. Es war für ein feministisches Seminar. Begeistert haben wir in dieses Horn geblasen, haben interpretiert was das Zeug hielt. Wir waren felsenfest davon überzeugt „richtig“ zu liegen. Jahre später sehe ich diesen Film und meine erst jetzt zu verstehen. An dieser Stelle sich selbst zu misstrauen halte ich für ratsam, denn ist es nicht bisweilen eine Überzeugung, die sich allzu oft wie eine Wand unüberwindlich aufrichtet? Sie haftet  bereitwillig allem an, was wir zu verstehen meinen und legt sich über die Wirklichkeit wie Knetmasse.

Aber lassen wir doch ausnahmsweise Vorstellungen, tradierte und erarbeitete Blickwinkel beiseite und lassen einwirken; einsickern; nachwirken. Jeder wird bei diesem Film auf seine Weise Beklemmung verspüren, Erkenntnisse davon tragen, vor sich selbst davonlaufen oder geradewegs hineinlaufen in eine Situation, wo es fürs erste kein Entkommen gibt, wo sich jeder für sich alleine anfreunden muss damit. Womit? Mit sich selbst.

Die Frau. Was tut sie? Sie kümmert sich um die Tiere. Den Hund, die Katze, die Kuh. Hinter der Wand. Sie beginnt zu jagen, Kartoffeln anzupflanzen und zu schreiben. Als es kein Papier mehr gibt schreibt sie nicht mehr. Für wen hat sie alles aufgeschrieben? Für einen imaginären Leser? Für sich selbst? Für die Ratten? Sie weiß es nicht. Für wen oder was tun wir, was wir tun? Was ist, wenn keiner da ist? Würden wir es dennoch tun? Wer oder was sind wir ohne (menschliches) Gegenüber?

Die Frau hat Verluste zu verzeichnen. Der Hund stirbt. Der Stier. Die weiße Katze. Diese Verluste tun ihr weh. Vor allem der Hund. Ihr Begleiter, ihre Freude. Die Tiere werden zu ihren Bezugspunkten zu ihrem Antrieb und dadurch auch zu ihrem Schmerzpunkt. Der Gedanke an das was war, was ist und was sein wird, er macht uns zu dem, was uns als Mensch „auszeichnet“. Wir kennen Vergangenheit und Zukunft. Oft genug sind wir im Jetzt wegen eines glücklichen Moments betrübt, weil wir wissen, dass er endlich ist. Das macht uns freudlos und sorgenvoll.

„Nicht dass ich fürchte ein Tier zu werden, das wäre nicht sehr schlimm, aber ein Mensch kann niemals ein Tier werden, er stürzt am Tier vorüber in einen Abgrund.“  Sie hat recht. Warum auch immer.

Zum Film selbst, es gibt Kritiken. Die einen sagen dies, die anderen jenes. Ich mochte ihn sehr.

 

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