Märzenschnee im Kunsthaus Bregenz

Kunsthaus Bregenz TrockelDie Figur “ The Critic“ im Kunsthaus Bregenz

 

Woran mag es liegen? Die Ausstellung hat viel versprochen, aber wie schade, sie erreicht mich nicht. Auf drei Ebenen werden im Kunsthaus Bregenz die Arbeiten von Rosemarie Trockel gezeigt, es soll eine Art Retrospektive sein, aber davon merke ich leider nichts. Womöglich bin ich auch schwer zu begeistern, denn im Kunsthaus hatte ich bereits die bemerkenswerte Ausstellung von Ai Weiwei gesehen, auch die Ausstellung von Antony Gormley war großartig. 

Nun passten die Arbeiten von Gormley perfekt zur Architektur Zumthors. Also liegt es vielleicht an den Arbeiten Trockels und der kühlen, weitläufigen Architektur? Außerdem ist die Akustik in diesen großen Räumen außerordentlich mühsam. Der Widerhall von Stimmen überschlägt sich mehrfach, sodass der Gedanke eine Führung mitzumachen sofort verworfen wird. Andere Kunst, andere Akustik? Wahrscheinlich müssen überdimensional große Skulpturen ausgestellt werden, damit alle zufrieden und glücklich sind.

Womöglich habe ich mich auch verändert? Damals im MMK in Frankfurt war ich begeistert von ihren Arbeiten. Wahrscheinlich nimmt man Kunst in der Zeit, in der sie entsteht anders wahr. Inzwischen laufen ihre feministischen Andeutungen beim mir ins Leere, sie erreichen mich leider nicht. Sie entlocken mir eher ein müdes: „Ach ja, das auch.“

Selbst die eigens für die Ausstellung entstandenen Werke haben für mich leider keine mitreißende Aktualität. Der Titel der Ausstellung: „Märzôschnee ûnd Wiebôrweh sand am Môargô niana më“ wird lediglich von einer Figur augenfällig aufgegriffen. Sie steht wie eine Ikone im dritten OG und ist kaum zu übersehen. Letztendlich ist sie auch der Grund dafür, warum ich die Ausstellung unbedingt sehen wollte. Immerhin, diese Figur ist genial!

Alles an ihr erinnert an die Bregenzerwälder Tracht: Auf dem Kopf trägt sie einen großen, schwarzen Topf in dem sich Gamsbärte befinden. Sie sind sozusagen die Trophäen des Jägers. Ohnehin ist die Figur nicht eindeutig weiblich, es könnte auch ein verkleideter Knabe sein, sie hat durchaus etwas androgynes an sich. So trägt sie eine kugelsichere Weste und auf dem Rücken kleine Körperteile von Tieren, die wie Orden auf den Rücken geheftet sind. Die Figur ist anziehend und daher wundert es kaum, dass sie das tragende Element in allen Presseveröffentlichungen geworden ist.

Durch das Tragen einer Tracht findet auf jeden Fall Uniformierung statt. Im Sinne der traditionellen Tracht ist es, für junge Frauen andere Elemente zu verwendet, als für die „alten Weiber“ und je nach Accessoire sieht man, dass eine Frau ledig oder verheiratet ist. Die äußere Form wird von Trockel zwar aufgegriffen, allerdings werden die tradierten Elemente völlig neu zusammengesetzt, sodass der Betrachter die Figur verwirrt fragen möchte:  Bist du alt oder jung? Bist du ein Mann oder eine Frau? Wer bist du?

Kunsthaus Bregenz TrockelBuben rätseln, was denn die Klauen und Federn auf dem Rücken bedeuten

 

Mit dem Spruch: „Der Schnee im März und die Schmerzen der Frauen sind schnell vergessen“, hat man sich lange genug über die Frauen lustig gemacht, jetzt macht sich Trocken über die Tracht lustig? Falls ja, gut so!

Der Kurator Rudolf Sagmeister sieht darin sogar Rosemarie Trockel selbst:
„Ich kann nicht umhin, dass das für mich natürlich die junge Rosemarie Trockel ist oder auch die jetzige Rosemarie Trockel. Sie nennt es zwar „The Critic“, aber für mich ist es „The Artist“ oder noch allgemeingültiger jeder Mensch, der im Leben steht und die Furcht überwindet und neue Territorien betritt und die richtige Ausrüstung hat. Diese Gamsbärte, die tragen Jäger an ihrem Hut als Zeichen ihrer Männlichkeit und wenn dann diese Frau eine ganze Schüssel voll gesammelt hat, dann kann man sich schon vorstellen, wie und wo sie die gejagt hat.“ Rudolf Sagmeister

 

Pippilotti Rist "The Help"

0001_struwwelpeter.inddUnd was hat der Struwwelpeter mit Pippilotti Rist zu tun?

 

Auf gewisse Art erinnert mich die Arbeit Trockels auch an Pippilotti Rist „The Help“. Die ikonographische Darstellung gleicht einer Heiligenfigur, aber einiges irritiert: Die Achselhöhlen sind nicht rasiert und sie hat Blut am Fuß: Eindeutig feministische Kunst. Nachdem der Roman Feuchtgebiete noch vor einigen Jahren für einen Skandal gesorgt hat, könnte man annehmen, dass diese Kunst nach wie vor irritiert und aktuell ist, zumindest genauso aktuell wie der Struwwelpeter aus dem Jahre 1845.

 

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