Vitra Design Museum? Heute leider geschlossen!

 

Vitra_Haus_Eingang

 

Wochen vorher stand der Termin fest und dann ist das Museum zu! Eine Dame am Empfang des Vitra Hauses scheint die Sache bereits zum 1.486 Mal zu erklären. Schon wieder ein Besucher der entrüstet ist, weil das Vitra Design Museum geschlossen ist. Mit einer gefährlichen Monotonie in der Stimme erklärte sie, was wir stattdessen alles besichtigen können, da sei die Gallery, eine Architekturführung um 13:oo Uhr, außerdem sei da ja noch das Vitra Haus, eine Art IKEA für gehobenes Design. Viel zu schnell hatte sie mit ihrem Kugelschreiber auf dem Plan herum gewedelt, was hängen blieb: Architekturführung, also gut, dann Architekturführung.

Warum hatte ich das nicht auf der Website gesehen? Eine dezente Erleichterung stellte sich ein, als wir noch andere Gespräche belauschten: Was! Das Museum ist geschlossen? Ich bin extra von Hamburg hierher gekommen! Ja genau, die Menschen kamen sogar von Japan nach Weil am Rhein und stellten fest: Das Museum ist gerade geschlossen, weil eine neue Ausstellung vorbereitet wird.

Aber wo ist das Problem? Als Kommunikationsdesignerin möchte man doch bitteschön das Übel an der Wurzel packen: Wie kann es sein, dass es Vitra versäumt, den potentiellen Besuchern ihr Angebot plausibel nahe zu bringen?

1. Vitra präsentiert sich nicht einheitlich. Es gibt einerseits eine Website für das Design Museum und andererseits eine Website für Vitra inkl. Campus. Die Trennung des Angebots zwischen Vitra und dem Vitra Design Museum ist verwirrend. Eingebettet in die Website von Vitra, wird das Vitra Design Museum kurz beschrieben, allerdings findet der eigentliche Inhalt innerhalb einer eigenen Website mit völlig anderem Design statt.

Das Webangebot im Überblick:
Vitra
Vitra Campus
Vitra Design Museum

Vitra_Herzog_Meuron
Vitra_Haus_HimmelWie aufgetürmte Bauklötze wirken die Elemente der Architekten Herzog & de Meuron.

 

Das Vitra Haus, erbaut von Herzog & de Meuron, ist zwar nicht museal aufbereitet, allerdings zeigt es, was Vitra bisher an Möbeln hergestellt bzw. derzeit im Angebot hat. Somit ist dieses Haus auch der erste Anlaufpunkt, um zu erfahren, dass gerade ein Umbau im Design Museum statt findet. Selbstverständlich ist der Besucher enttäuscht, denn er erhofft sich vom Wort „Museum“ Folgendes und somit komme ich zum

2. Punkt: Der Begriff „Museum“ wird gemeinhin dafür verwendet, eine Einrichtung zu charakterisieren, die Exponate einer dauerhaften Ausstellung beheimatet. Dass immer wieder gesondert Ausstellungen statt finden, ist zwar üblich, allerdings kein „Muss“. Hie und da wird umgebaut, damit rechnet der Besucher, aber er geht stets davon aus, dass eine permanente Sammlung gezeigt wird.

Punkt 3: Diese Sammlung existiert zwar, soll aber erst ab November 2015 öffentlich gezeigt werden. Auf der Website sieht man den Begriff „Sammlung“, kann sich auch darüber informieren. Es ist aber keineswegs klar, dass diese Sammlung lediglich existiert, aber nicht in Weil am Rhein gezeigt wird. Der Satz: „Das Vitra Design Museum wäre ohne seine umfangreiche Sammlung nicht denkbar“, ist missverständlich, da ich als flüchtiger Leser vorerst davon ausgehe, dass diese Sammlung öffentlich zugänglich und auch Teil des Design Museums ist. Es ist sogar von „100 Masterpieces“ die Rede, welche ich mir ebenso auf der Website exemplarisch ansehen kann. Wie sollte ich also davon ausgehen, dass in einem Lagerraum diese Stühle, Leuchten und Einrichtungsgegenstände ein Schattendasein führen, während enttäuschte Besucher verwirrt den Empfangstresen verlassen und erst einmal die Toilette aufsuchen, um sich zu sammeln.

Ein kurzer Blick in den Spiegel sortiert und stellt das innere Gleichgewicht wieder her: Jetzt erst recht! Die Architekturführung, dann eben das. Alle Enttäuschten versammeln sich vor der Gallery und los geht es. Eine junge, ambitionierte Studentin führt uns zum geschlossenen Museum, zum Schmerzpunkt. Ein Afrikaner pinselt Afrikanisches an die Wand. Bleibt das? Nein, das bleibt nicht. Der Architekt Frank Gehry würde das keinesfalls gutheißen. Im Jahre 1994 entstand dieser dekonstruktivistischer Bau, innovativ, aufregend, auf jeden Fall innovativ! Gleich anschließend sieht man eine von ihm entworfene Produktionshalle, ebenso weiß, nein, nicht dekonstruktivistisch, sondern „im Dialog“ mit den Gebäuden von Nicholas Grimshaw.

Auf dem Gelände gab es 1981 einen Brand, der die Hallen und Produktionsstätten verwüstete. Grimshaw plante innerhalb kürzester Zeit das komplette Gelände neu und zwei Hallen wurden nach seinen Plänen errichtet. Inwiefern nun der Dialog zwischen der Architektur Grimshaws und Gehrys friedlicher Natur ist, kann man nur erahnen. Die Gebäude Gehrys stehen im Eingangsbereich und sie haben eher eine typisch testosteronhaltige Geste: Hier bin ich! Ich bin zwar gleich hoch, aber ich bin viel wichtiger und augenfälliger. Die Gebäude Grimshaws treten jedoch elegant zurück und distanzieren sich von dieser Haltung im Vordergrund stehen zu müssen. Angeblich hat sich Grimshaw geärgert, dass seine Entwürfe nicht umgesetzt wurden.

Ein etwas müder Dialog ergibt sich zwischen der Backsteinfassade von Álvaro Siza und der Halle von Grimshaw. Die Brücke, welche die Gebäude verbindet, soll als Regenschutz dienen. Es ist ein aufwändiges Etwas: Wäre es ein praktisches Regendach geworden, hätte es tiefer sein müssen, aber das sah nicht gut aus. Also baute man eine hübsche Verbindungsbrücke. Bei Regen muss die Brücke um 2 m gesenkt werden. Eine Spielerei? Wohl kaum. Ein ernsthafter Kampf um eine Form, die nicht der Funktion folgt.

Aber das ist alles ist nichts gegen das Gebäude von Zaha Hadid! Es gab bis dahin nur Entwürfe von ihr und die Firestation war ihr erster Entwurf, der auch umgesetzt wurde. Das Gebäude ist von außen unsagbar elegant, jedoch fällt und stürzt es dem Besucher im Inneren entgegen, sodass uns nach kurzer Zeit ein wenig eigenartig zumute ist. Keine gerade Linien, die beruhigt. Was eigentlich als Garage für Feuerwehrautos gedacht war, ist nun eine Veranstaltungshalle. Ohnehin war diese Firestation nicht zweckmäßig. Denn Zaha Hadid dachte nie daran, dass die Feuerwehrautos direkt und schnell zum Einsatzort gelangen sollten. Sie mussten erst eine schwierige Kurve überwinden, außerdem waren die Schränke für die Feuerwehrkleidung zu klein und zu eng. Die Toiletten, versehen mit einer semitransparenten Glastür, lassen den Bedürftigen in einer misslichen Situation zurück: Die ganze Toilette ist schräg und unpraktisch. Die Glastür verspricht Publikum. Offene Duschen? Selbstverständlich!

Etwas neidisch verlassen wir dieses Gebäude: Wie gerne würden wir auch einmal etwas völlig Sinnloses, etwas völlig Unpraktisches, etwas Wunderschönes bauen. Wie groß ist die Freude an unpraktischen und sinnlosen Dingen, die elegant und erhaben dastehen, völlig zweckbefreit, ja geradezu das Gegenteil davon sind, was sie vordergründig versprechen. Nein! Das ist keine Firestation, das ist reine Architektur!

Vitra_Zaha_HadidDort wo früher Feuerwehrautos standen, finden nun Sektempfänge statt.

Zaha_Hadid_VitraUnpraktisch aber schön: Die Toiletten und die Garderobe

 

So ist die Halle von SANAA bestechend anders und ausnahmsweise zweckmäßig. Die beiden Japaner hatten zuvor noch nie eine Produktionshalle mit 20.000 qm bespielt. Als wir uns der Fassade nähern, kann sich keiner von uns die Größe und die Dimension vorstellen. Unglaublich wie leicht und klein der scheinbar runde Bau wirkt. Das Geheimnis wird anhand eines Grundrisses gelüftet: Es ist kein Kreis sondern eine Seifenblase, eine runde Form, wie mit leichter Hand auf ein Blatt Papier gezeichnet. Sehr organisch. Durch diese Form wirkt die Halle nie groß, nie fassbar. Die Fassade trägt eine weiße Verkleidung aus Plexiglas. Aber nein, das Plexiglas ist gewellt und fällt wie ein Vorhang aus dem Himmel zu Boden. Selbstverständlich ist das Plexiglas nicht einfach nur weiß, sondern es besteht aus einer weißen und einer durchsichtige Schicht, damit das Material transluzent wirkt. Ebenso selbstverständlich wurde extra dafür eine eigene Produktionsstätte errichtet, um diese Fassadenelemente überhaupt herstellen zu können. Natürlich!

Vitra_Fassade_SANAAVitra-SANAA_Fassade_HimmelDie Fassade ist aus transluzentem Plexiglas.

 

Unglaublich schön von außen, unglaublich angenehm von innen. Obgleich die Halle riesig ist, wirkt sie wie ein Wohnzimmer, sehr hell, sehr freundlich. Die deutsche Bürokratie muss beide Augen zugedrückt haben, denn die Architekten bestanden auf ein einheitliches Design im Innenraum. Nein! Keine schwarz/gelben Markierungen am Boden, alle Markierungen sind weiß. Nein! Keine roten und blauen Rohre an der Decke für die Sprinkleranlage. Alle Rohre sind weiß. Erstaunlich wie konsequent die Architekten an der Raumwirkung festhielten. Wir sind beeindruckt und auch neidisch: Wie oft werden wir vor dem Kunden wachsweich? Wie oft verlassen wir den ursprünglichen Entwurf? Hätte ich es gewagt vor den deutschen Behörden auf weiße Markierungen zu bestehen? Wäre ich hart geblieben? All meinen Respekt für genau diese Leistung!

Vitra_SANAA_InnenraumSelbst im Innenraum gibt es keine störenden Farben: Die Sprinkleranlage und die Bodenmarkierungen sind entgegen der deutschen Vorschriften weiß.

 

Ganz am Schluss der Führung schließt sich abermals der Kreis: Ein japanischer Architekt trifft auf die Nachbarschaft eines Amerikaners. Der Japaner wollte die Kirschbäume unbedingt erhalten. Lediglich drei Bäume mussten dem neuen Konferenzpavillion weichen. Der Amerikaner ließ alle Bäume fällen, benötigte er doch ausreichend Platz für die Verwirklichung seiner Pläne. Ghery und Tadao Ando stehen ebenso in einem internationalen Dialog, einem Gespräch über Kirschbäume und deren Sinnhaftigkeit. Was dem einen lästig ist, ist dem anderen heilig. Nun ist es eine rein persönliche Vorliebe für japanische Kultur, die mich dieses harte Urteil fällen lässt: Die Japaner sind die besseren Architekten.

Vitra_Tadao_AndoEinzeln sollen sich die Mitarbeiter dem Eingang nähern und einzeln sollen sie eintreten, denn das fördert die Konzentration auf das Wesentliche.
Vitra_Tadao_Ando_Raum_
Die Innenräume des japanischen Architekten Ando sind schlicht und einladend.

 

Selbst das beeindruckende Gebäude von Herzog & de Meuron kann mich nicht umstimmen. Es sieht so aus, als hätten Kinder mit Bauklötzen gespielt. Ganz einfache Hausformen wirken wie übereinander geschichtet, greifen ineinander, werden zu einem durchdachten Durcheinander. Die Innenräume lassen immer wieder einen ungestörten und weiten Blick auf die Umgebung zu, als wäre man im Garten zu Hause, als wäre das Draußen drinnen und umgekehrt. Gerne würde man so wohnen, sich in einen Eames Chair fallen lassen und die Landschaft betrachten, den ganzen Tag, das ganze Jahr.

Vitra_Haus_Meuron

 

Vielleicht sollte ich mich bei Vitra bewerben. Die Dame am Empfang schien ohnehin keine Lust mehr zu haben. Bis das neue Gebäude für die Sammlung im November geöffnet wird sollte ich wohl durchhalten, sollte es verkraften, enttäuschten Besuchern erklären zu müssen, dass Vitra wesentlich mehr bietet als das verwunschene Gebäude dort hinten links: „Vergessen Sie das Museum! Ja, es ist derzeit geschlossen, wegen Umbau geschlossen, aber machen Sie eine Architekturführung mit, Sie werden sehen, das ist sehr interessant, außerdem gibt es diverse andere Führungen, z. B. findet an jedem zweiten und vierten Donnerstag im Monat um 14 Uhr eine Führung durch die Produktion statt … „.

 Vitra_Haus

 

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